
Die Deutschen sind schon ein witziges Völkchen. Sie polarisieren die Gemüter der Welt, wie nur wenige Völker es tun. Man kann sich herrlich aufregen über ihre mangelnde Spontanität, ihre Spießigkeit, ihr biederes Erscheinen und natürlich ihre Vergangenheit.
Andererseits amüsieren sie durch von Gartenzwergen übervölkerte Schrebergärten, komische Dialekte und Frisuren, sowie die akribisch gelebte gelebte Ideologie der Pünktlichkeit.
Letztere begegnete mir heute Morgen um 8 Uhr am Erftstädter Bahnhof.
Um den Sachverhalt im Voraus zu erklären: Erftstadt ist ein Vorort von Köln, und eine klassische Pendlerstadt. Zur Stoßzeit fahren stündlich drei Regionalbahnen, meist bestehend aus zwei gänzlich überfüllten Waggons, aus der Eifel nach Köln. Wenn diese Bahn in Erftstadt zu stehen kommt, kommt selten einer der durchschnittlich 60 Zusteiger zum sitzen. Soviel dazu.
Als ich heute Morgen also die vereisten Bahnsteige beschritt, bemerkte ich schnell dass sich dort ,statt der üblichen 60, 150 müde Gesichter bitteren Kiosk-Kaffee in den trockenen Rachen gossen oder hektisch Zigaretten heiß rauchten. Irgendwas war also im Busch. Ein Blick auf die Anzeigetafel (seit ein paar Jahren elektronisch!) verriet mir das der RE10-Schlag-Mich-Tot, planmäßige Abfahrtzeit 07:48, heute ausgefallen war. Weiterhin hatte der RE10-Schieß-Dir-In-Den-Sack-Und-Stirb-Tanzend, planmäßige Abfahrtszeit 08:06, circa 9 Minuten Verspätung. Wenige Sekunden nach meiner Ankunft wies eine freundliche Frauenstimme, die wohl den drohenden Aufstand der Acht-Uhr-Zombies spürte, darauf hin das die RB10-Go-Go-Gadget planmäßig um 08:19 eintreffen würde, und als eventuelle Ausweichmöglichkeit für jene dienen könne, die kein gesteigertes Interesse an einer Nierenquetschung hätten.
Als angehender Soziologe witterte ich sofort dass ich nun Zeuge eines interessanten Experimentes werden konnte. Ich drehte mir eine Zigarette, lehnte mich entspannt an einen Stromkasten und wartete, während ich genüsslich am Strohalm meines Trinkpäckchens saugte.
Wenige Minuten später kündigte ein dunkles Grollen aus der Ferne das baldige erscheinen der Bahn an. Natürlich hatten sich schon vor meiner Ankunft die ersten Passagiere in Spe unauffällig an den strategisch wichtigen Punkten am Gleisanfang und Gleisende positioniert. Aber nun erwachten alle zum Leben. Aus Zombies wurden Tiere.Die nette Oma und der scheinbar gelassene Hippster drängelten gleichermaßen, der Manager mit gezücktem 1. Klasse Ticket versuchte mit steinernem Gesichtsausdruck sich Platz zu verschaffen und die hübsche Schülerin entschuldigte sich in die erste Reihe. Als die Bahn dann tatsächlich vor ihnen hielt und ihre Türen öffnete, gab es kein Halten mehr. Obgleich höchstens noch 50 Menschen schmächtiger Statur Platz gefunden hätten, rempelten nahezu alle Anwesenden in Richtung Tür und versuchten sich irgendwie noch in die Bahn zu drängen. Erschreckend viele schafften es.
Als die Bahn die Türen schloss blieben nur wenige äußerst unglücklich drein blickende Menschen zurück, sie wirkten beinahe so, als hätten sie gerade eine Kreuzfahrt auf einem Luxusliner verspielt. Es hätte mich nicht gewundert jemanden weinen zu sehen. Ich drückte mein Mitleid durch eine langsamen Applaus aus während ich breit grinste, was mir einige böse Blicke bescherte. Keine 3 Minuten später stieg ich in die nächste Bahn.
Die Deutschen sind schon ein witziges Völkchen. Sie polarisieren die Gemüter der Welt, wie nur wenige Völker es tun. Man kann sich herrlich aufregen über ihre mangelnde Spontanität, ihre Spießigkeit, ihr biederes Erscheinen und natürlich ihre Vergangenheit.
Andererseits amüsieren sie durch von Gartenzwergen übervölkerte Schrebergärten, komische Dialekte und Frisuren, sowie die akribisch gelebte gelebte Ideologie ...