
In “Eine zu 85% wahre Geschichte” beschreibt Chuck Klosterman seine Reise quer durch die USA, um über Orte zu schreiben an denen Rockstars ums Leben gekommen sind. Für eine Musikliebhaberin wie mich eine faszinierende Sache. Ohne Zweifel ein toll geschriebenes Buch über Musik und Liebe, aber nicht so kitschig öde und vorhersehbar, wie man es aus so vielen Publikationen bereits kennt. Aber worauf ich eigentlich hinauswill ist folgendes:
Mr. Klosterman schreibt häufig, welche Musik ihn in verschiedenen Lebenslagen begleitet hat und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass Radioheads Album “Kid A” im Grunde der Soundtrack des 11. September 2001 ist, auch wenn das Album knapp ein Jahr vorher veröffentlicht wurde. Eine äußerst gewagte Aussage, aber dennoch nachzuvollziehen, wenn man die Platte kennt und die Zeilen dazu kennt, die Klosterman da reininterpretiert. Damit ihr euch ein Bild davon machen könnt, hier die Passage dazu:
“(…) Wie besessen habe ich das Album ein ganzes Jahr lang gespielt. Jetzt bin ich mir sicher, dass Kid A der offizielle Soundtrack des 11. September 2001 ist, obwohl das Album am 3. Oktober 2000 herauskam.
Der erste Song von Kid A beschreibt die Skyline von Manhatten an einem Dienstagmorgen 8:00 Uhr, der Titel des Songs lautet “Everything Is In The Right Place”. Die Leute wachen am Morgen auf, “sucking on a lemon”, weil sich in der U-Bahn von Manhatten das Leben normalerweise so anfühlt; die Stadt ist ein wunderschöner, saurer, sarkastischer Ort. Und schon kommt Song Nr. 2, der Titelsong. Er bringt die Musik der wirbelnden, flüchtigen Normalität. (…) Man stellt sich vor, wie die Leute zu Fuß zur Arbeit gehen, wie sie im Fahrstuhl stehen, wie sie aus dem C-Train und dem 3-Train steigen und sich eine Zukunft ausmalen, die genauso ist wie die Gegenwart, nur besser. (…) Aber nach dreieinhalb Minuten von Kid A passiert etwas. Irgendwas stimmt nicht mehr, und man weiß nicht recht, was. Dann folgt Track drei, “The National Anthem”. Das ist der Zeitpunkt, als das erste Flugzeug mit 470 Meilen in den Nordturm rast. Weiterlesen »
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=onRk0sjSgFU[/youtube]
In "Eine zu 85% wahre Geschichte" beschreibt Chuck Klosterman seine Reise quer durch die USA, um über Orte zu schreiben an denen Rockstars ums Leben gekommen sind. Für eine Musikliebhaberin wie mich eine faszinierende Sache. Ohne Zweifel ein toll geschriebenes Buch über Musik und Liebe, aber nicht so kitschig öde und vorhersehbar, wie man es aus so vielen Publikationen bereits kennt. Aber worauf ich eigentlich hinauswill ist folgendes:
Mr. Klosterman schreibt häufig, welche Musik ihn in verschiedenen Lebenslagen begleitet hat und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass Radioheads Album "Kid A" im Grunde der Soundtrack des 11. September 2001 ist, auch wenn das Album knapp ein Jahr vorher veröffentlicht wurde. Eine äußerst gewagte Aussage, aber dennoch nachzuvollziehen, wenn man die Platte kennt und die Zeilen dazu kennt, die Klosterman da reininterpretiert. Damit ihr euch ein Bild davon machen könnt, hier die Passage dazu:
"(…) Wie besessen habe ich das Album ein ganzes Jahr lang gespielt. Jetzt bin ich mir sicher, dass Kid A der offizielle Soundtrack des 11. September 2001 ist, obwohl das Album am 3. Oktober 2000 herauskam.
Der erste Song von Kid A beschreibt die Skyline von Manhatten an einem Dienstagmorgen 8:00 Uhr, der Titel des Songs lautet "Everything Is In The Right Place". Die Leute wachen am Morgen auf, "sucking on a lemon", weil sich in der U-Bahn von Manhatten das Leben normalerweise so anfühlt; die Stadt ist ein wunderschöner, saurer, sarkastischer Ort. Und schon kommt Song Nr. 2, der Titelsong. Er bringt die Musik der wirbelnden, flüchtigen Normalität. (…) Man stellt sich vor, wie die Leute zu Fuß zur Arbeit gehen, wie sie im Fahrstuhl stehen, wie sie aus dem C-Train und dem 3-Train steigen und sich eine Zukunft ausmalen, die genauso ist wie die Gegenwart, nur besser. (…) Aber nach dreieinhalb Minuten von Kid A passiert etwas. Irgendwas stimmt nicht mehr, und man weiß nicht recht, was. Dann folgt Track drei, "The National Anthem". Das ist der Zeitpunkt, als das erste Flugzeug mit 470 Meilen in den Nordturm rast.
"The National Anthem" klingt ein bisschen wie ein Morphium-Song, völlig anders als die ersten beiden – verwirrend; chaotisch. "What's going on?" heißt es immer wieder. "Was ist hier los?". Die Musik wird immer verrückter, bis das zweite Flugzeug in den zweiten Turm rast (um 9:03 in der Wirklichkeit, bei 3:42 im Song). Einen Moment lang ist alles ruhig. Aber dann bricht der Tumult los. Was uns zu Track vier bringt, "How To Dissapear Completley". Das ist der Punkt an dem man denkt, die Welt geht unter. Die Leute versuchen sich einzureden, dass sie gar nicht da sind. Ständig wiederholen sie "this is not happening". Die Leute "schweben" (lies; stürzen) zur Erde. Wir hören von Stroboskopleuchten und von explodierenden Lautsprechern; von Feuerwerk und Wirbelstürmen. Es ist ein Lied darüber, wie man bei lebendigem Leib verbrennt und aus dem Fenster springt; es ist ein Lied darüber, wie es ist, wenn man dabei zusehen muss. Und darauf folgt dann ein Instrumentalstück ("Treefingers") – was soll man noch sagen, wenn Wolkenkratzer einstürzen? Da kann man nur noch fassungslos zuschauen, die Hand vor dem Mund.
Die Zeit vergeht. Es ist Nachmittag. Statt Action jetzt Reflexion. Der Song heißt "Optimistic", ein Wort das durch seine Abwesenheit noch viel bedeutungsvoller wird. Es gibt Texte über Ground Zero ("vultures circle the dead"), und man bekommt Einblicke, wie die Amerikaner, nach Ansicht der Mitglieder von Al Qaida, die internationale Diplomatie sehen ("the big fish eat the little ones, the big fish eat the little ones/ Not my problem, give me some"). Bei Track sieben, "In Limbo", geht es darum, wie die Vereinigten Staaten aus ihrer Fantasiewelt vertrieben werden und sich nirgends verstecken können, "nowhere to hide", und wie sie nur noch Falltüren finden und in die Tiefe trudeln, "trap doors that open, I spiral down". Dann sind wir in der "Idioteque", in der die Parole "Frauen und Kinder zuerst" gilt, "woman and children first". Die Überlebenden erkennen nach und nach "I'm alive". Im Gegensatz zu "How to Disappear" bietet "Idioteque" erste Momente der Akzeptanz. Wir gestehen uns ein, dass es Wirklichkeit ist, "this is really happening". Wir fragen uns, wer auf der anderen Seite des Ozeans in einem Bunker hockt und uns umbringen will, weil wir in einem Bürogebäude mit 110 Stockwerken arbeiten, "who's in a bunker?", fragt Yorke, wir wollen doch keinem Angst einjagen, "We're not scaremongering", aber manche tun es dich und reden von einer neuen Eiszeit, "ice age is coming, ice age is coming ". In "Morning Bell" sieht man ein Land, das in seinem Schockzustand verblüffend teilnahmsvoll reagiert, jeder will jedem helfen ("Everyone wants to become a friend"), aber es gibt keine Möglichkeit, den Verlust sinnvoll zu verarbeiten: In "Motion Picture Soundtrack" singt Thom davon, dass erst Rotwein und Schlaftabletten wieder Form von Zuwendung ermöglichen ("Red wine and sleeping pills | Help me get back to your arms"). Plötzlich braucht jeder Vicodin. Alle müssen noch mehr Merlot trinken. Wir füllen die Leere mit cheap sex und sad sex, und wir denken, wir sind verrückt: Baby, we're crazy. Aber auf die Frage nach der Wirklichkeit gibt es keine Antwort, da ist nur der Glaube, dass es etwas geben könnte, was größer ist als diese Welt, und so endet Kid A mit der Verheißung eines anderen Lebens: "I will see you in the next life". Kann sein ja, kann sein nein. Es steht immer fifty-fifty. Aber verstehen Sie meine Überlegungen bitte ncht falsch; ich behaupte nicht, wir hätten durch diese Platte gewarnt sein müssen oder John Ashcroft hätte sie sich im Frühjahr 2001 anhören müssen und dann verkünden sollen: "Ich finde, wir müssen die Sicherheitsbestimmungen auf den Flughäfen hochfahren". Ich will auch nicht so tun, als wäre Thom York so eine Art Nostradamus des Pop; das Gegenteil ist wohl eher der Fall. (...) Vom Text her gibt es bei den Kid A-Liedern überhaupt keine geplante Struktur. Was selbstverständlich die einzige Methode ist, wie das passieren konnte. Ein Genie kann ein Genie sein, indem es versucht, ein Genie zu sein; ein Visionär kann nur aus Versehen eine Vision haben."
Chuck Klostermann, "Eine zu 85% wahre Geschichte"